Florian Wurzer
Head of Talent Acquisition Region South Deutsche Bahn AG

Welche  Merkmale machen einen Arbeitgeber langfristig attraktiv?

F.W.:

Die Merkmale eines jeden Arbeitgebers sind natürlich unterschiedlich, abhängig von der Branche, der Größe, den Aufgaben und Zielen des Unternehmens. Aus meiner Perspektive ist es für den langfristigen Erfolg – Stichwort Mitarbeiterbindung – wichtig, authentisch, ehrlich und transparent die eigenen Werte zu kommunizieren. Es ist wenig zielführend, eine schillernde Bewerberwelt aufzubauen, wenn die später wahrgenommene Arbeitswelt eine vollkommen andere ist. Wenn man von Leidenschaft, Teamspirit und Entwicklungsmöglichkeiten spricht, dann muss es das im Unternehmen auch geben.

Wie sieht Ihre Employer Value Proposition aus?

F.W.:

Aus meiner Sicht steht die Deutsche Bahn für Vielfalt und für Sicherheit. Wir haben über 500 verschiedene Berufsbilder, wir sind ein großes Unternehmen mit über 300.000 Mitarbeitern in verschiedensten Bereichen: Da ist (fast) für jeden etwas dabei und man kann sich weiterentwickeln. Die Beschäftigungsbedingungen sind gut und wir arbeiten in einer Branche mit Zukunft, der Bedarf nach Mobilität und Logistik wird ja durch die Digitalisierung und Globalisierung immer mehr.

Wie sieht Ihrer Meinung das Employer Branding der Zukunft aus?

F.W.:

Das ist eine spannende Frage und ich weiß nicht, ob das heute klar und aus einer doch sehr subjektiven Perspektive eines Unternehmens, einer Branche oder auch eines Landes alleine beantwortet werden kann. Generell wird unsere Zukunft im Branding & Marketing (Arbeitgeber und Produkt) sicher von vielen neuen technologischen Möglichkeiten geprägt und ebenso unterstützt und angereichert werden. Bei der DB setzen wir bereits seit bald zwei Jahren auf Virtual Reality. Das hilft uns bei  Brand Awareness und Brand Experience, aber auch ganz direkt im Recruiting, wenn wir nach einem Interview mit Bewerbern noch die VR Brille zum Entdecken der eigenen neuen Arbeitswelt zur Verfügung stellen und Einblicke gewähren, die in dieser Tiefe vorher nur bei einer Ortsbesichtigung möglich waren. Trotzdem wird das Internet und ein umfassender 360 Grad Ansatz – Marketing- und Kommunikationsmix – weiterhin unerlässlich und wichtig bleiben, um die relevanten Zielgruppen zu erreichen. Tendenziell werden wir sicher das mobile Nutzungsverhalten von Menschen weiter genauer und permanent studieren müssen, um unsere Aktivitäten hier zielgerecht auszusteuern. Es wird nicht mehr reichen, nur eine mobil optimierte Karriere-Seite oder Stellenbörse anzubieten, wir werden auch Daten auswerten müssen. Hier geht es um die Optimierung der Kanäle, um ganz exaktes Targeting von Kandidaten. Es wird eine sehr spannende Mischung aus mehr Analytik und neuen technologischen Möglichkeiten, darauf freuen wir uns. 

Welche strukturellen, kulturellen und technologischen Trends sehen Sie hier?

F.W.:

Wenn man den Trends aus den Medien- und Service-Bereichen, aber auch den klassischen Konsumgüterbereichen - die sehr stark auf physischem, direktem und persönlichem Kontakt beruhten – folgt, dann werden wir sicher eine noch stärkere Entkopplung von physischem Suchen nach Informationen, physischen Bewerbungsunterlagen etc. hin zu einer One Stop-Click-Bewerbung kommen. Die Relevanz einer Bewerbung wird sicher nicht an Bedeutungsgrad verlieren. Dafür verbringen wir einfach noch zu viel Zeit in der Arbeit, als dass es uns vollkommen egal wäre wo und wie wir arbeiten. Wie viel Erfüllung wir bei der Arbeit erleben, wie viel Spaß wir haben und wie viel Geld wir verdienen. Allerdings wird der Weg zum neuen Arbeitgeber einfacher, schneller, virtueller und weniger komplex werden. Somit wird zum einen die Bedeutung der ganzheitlichen, transparenten und durchgängigen Information über einen Arbeitgeber noch steigen. Hierbei meine ich nicht Plattformen wie Glassdoor oder Kununu, diese bieten Transparenz, aber mit einer anderen Zielstellung. Wir als Arbeitgeber müssen noch mehr Einblicke gewähren, müssen noch mehr auf Kommunikation und Interaktion setzen. Ein Gedankenspiel könnte sein, dass wir zum Beispiel Live-Mitschnitte in 360 Grad-Einstellungen kombiniert mit Chat-Möglichkeiten in bestimmten Arbeitsgebieten anbieten. So kann man zu Hause sitzen und hat das Gefühl, direkt vor Ort zu sein und Fragen an die zukünftigen Kollegen oder Führungskraft stellen zu können. Ob solche Dinge dann weiterhin 2-Dimensional im Web oder vielleicht sogar schon als Hologramm aus dem eigenen Mobilgerät heraus angezeigt werden, das sei dahin gestellt. Die Technologie ermöglicht das bereits jetzt, so setzen wir bei der Deutschen Bahn bereits jetzt im kleinen Stile auf Hologramme im Employer Branding und Personalmarketing und hoffen damit wieder die Technikbegeisterung und Faszination für Innovationen nutzen zu können, um positive Effekte für unseren Employer Brand generieren zu können.

Welche zukünftige Rolle wird das Virtual Reality spielen?

F.W.:

VR wird sicher eine sehr spannende und integrale Rolle spielen. Allerdings sollte man hier auf das Wording achten – aktuell spricht man immer noch von Augmented und Virtual Reality. Ich gehe davon aus, dass diese Begriffe und technologischen Ansätze stärker verschmelzen werden. Das eine Medium (AR) spricht von einer „Erweiterung“ der Realität und das andere Medium (VR) spricht von einer „virtuell“ erstellten Realität. Als Beispiele wären unter anderem das Head-Up-Display in einem Flugzeug oder in Autos zu nennen; ein anderes Beispiel wären auch die VR-Anwendungen in unserem Unternehmen, wie wir anhand von VR-Brillen die Arbeitswelten der DB einer Person realitätsnah erklären, die sich aber faktisch gerade an einem anderen Ort irgendwo auf der Welt befindet. Diese Technologien bieten viele neuen Möglichkeiten für das Employer Branding und Personal-Marketing, um realere, bessere, authentischere und schnellere Information an Interessenten und potentielle Bewerber zu adressieren. Andere Produktmarken machen es gerade vor, wie sie Entertainment-Inhalte (z. B. Konzert) oder auch Real Life Erfahrungen (z. B. Zoo- oder Aquariumsbesuch) über VR-Anwendungen und -Tools realitätsnah gestalten. Auch das muss und wird eine unserer Richtungen sein, in die wir schauen und gehen werden. Aber man sollte auch realistisch sein, es wird in den nächsten zehn Jahren sicher keine komplett „virtuelle Welt“ im Branding und Marketing entstehen. Dazu gibt es dann doch noch drei wichtige körperliche Sinne, die aktuell über VR nicht zu 100% zufrieden stellend befriedigt werden – Tasten, Riechen und Schmecken. Diese Sinne sind aber integral für eine vollwertige Experience und Wahrnehmung einer Information, eines Gesprächs oder auch eines persönlichen Besuches bei einem Arbeitgeber in Form eines Inhouse-Events. Summa summarum muss man sagen, dass es sich hier nicht um eine Modeerscheinung – wie zum Beispiel Second Life, der auch eine disruptive Veränderung von Systemen vorhergesagt wurde – sondern um einen ganz klaren technologischen Trend handelt, der uns helfen wird, viele Dinge spannender, angereicherter und dem Zeitgeist der Gesellschaft angepasster anbieten zu können.